
Gira sind ‚die mit den Schaltern‘, aber nicht nur. Was darf die Elektro-, aber auch die Baubranche, in den nächsten Jahren von Ihnen erwarten?
Christian Feltgen: Mit dem System 55 haben wir die Branche geprägt. Diese Erfolgsgeschichte schreiben wir jetzt mit dem System 70 fort: Einer neuen Designfamilie mit großer funktionaler Tiefe, die sich logisch in unsere Designsprache einfügt und das Gira System vom Smart Building bis zur Türkommunikation nahtlos ergänzt. Es geht nicht um einzelne Schalter, sondern um hunderte Funktionen, die in einem System ineinandergreifen.
Hans-Jörg Müller: Beim System 70 verbinden wir klare Formen und hochwertige Haptik mit moderner Technik. Wir bringen Funktionseinsätze in gewohnten 70x70mm Größe mit fünf Farben, vier Schalterprogrammen, drei Installationsarten und über 200 Funktionen auf den Markt. Unser System 70 vereint damit auch Türkommunikation und Smart Home in sich. Das bedeutet: Dort, wo wir auf den ersten Blick verschiedene Systeme anbieten, handelt es sich in Wirklichkeit um eine große Systemwelt, die zu einem Baukasten verschmilzt.

Warum kommen die großen Neuerungen und Systeme jetzt alle auf einmal?
Müller: Das ist aus meiner Sicht eine logische Konsequenz. Das System 55 ist fast 30 Jahre alt, es war Zeit für eine starke Alternative. Parallel haben wir in neue Technologie bei der Türkommunikation investiert. Dass diese Entwicklungen zeitgleich erfolgen, ist ein großer Vorteil, weil sie systemisch zusammengehören, sich optimal ergänzen und auch optisch harmonieren.
Feltgen: Systemisch und in Standards zu denken gehört zu unserer DNA. KNX bleibt unser Fokus, da es vielseitig ist: Selbst einfache Lösungen wie Gira One lassen sich damit realisieren, Schulungen und Spezialwissen sind nicht erforderlich. Bei Schaltern und Steckdosen setzen wir auf den deutschen Standard. In den letzten Jahren haben wir die Technologien dahinter erneuert, die Produkte sind neu und zukunftsfähig. Jetzt erfolgt der nächste Schritt im Design: das System 70. Auch in der Türkommunikation waren Neuerungen wichtig: Vor über 20 Jahren haben wir diese in die Schalterprogramme integriert. Heute integrieren wir Türkommunikation mit IP-Technologie standardbasiert und leistungsfähig in die Welt des Smart Building. Die Entwicklungen greifen also ineinander.

IP-Technologie ist 2026 in der Türkommunikation nichts Neues. Was macht Ihre Türkommunikation IP besonders?
Müller: Es ist das Zusammenspiel dreier starker Aspekte: Design, Einfachheit und Offenheit. Wir erhalten das modulare Design des System 106 und führen es in die Zukunft. Technologisch ist Einfachheit ein Nutzen, denn wir ermöglichen dem Fachhandwerk mit der IP-Technologie eine einfache Inbetriebnahme und Konfiguration, selbst bei großen Objekten. Und Offenheit steht für die Integration in die KNX-Welt. Türkommunikation wird nicht mehr separat betrachtet, sondern in die Systeme eingebunden. Darüber hinaus lassen sich Fremdprodukte integrieren, etwa Keyless-In-Lösungen oder Kameras. Durch den IP-Standard öffnen wir uns nach innen und außen.
Feltgen: IP ist die Basistechnologie. Sie bringt Geschwindigkeit, Bandbreite und standardisierte Verkabelung. Innovativ ist die einfache Inbetriebnahme und Projektierung. Wir bieten Lösungselemente: Etwa eine zusätzliche Administrationsebene für Hausmeister. So muss das Elektrofachhandwerk für kleine Änderungen nicht anreisen. Zudem garantieren wir mit der Konformität zum Cyber Resiliance Act bereits jetzt Zukunftssicherheit, wie sie ab 2027 im Hinblick auf Updatefähigkeit und Datensicherheit auch gesetzlich gefordert wird.
Welche Erwartung haben Sie an das neue System?
Feltgen: Dass es genau wie unsere Türkommunikation vor über 20 Jahren einen sehr nachhaltigen Siegeszug antreten wird. Unsere Systemtechnologie ist auf 15 bis 20 Jahre Laufzeit ausgelegt – deshalb setzen wir auf IP und entwickeln so wenig wie möglich proprietär. So funktionieren in unserem System auch Türstationen von Fremdherstellern. Und wir versprechen: Wir werden unser IP System lange pflegen. Flexible KNX-Erweiterung ohne Verkabelung: Die RF+ Funkprodukte von MDT ermöglichen eine einfache Nachrüstung im Bestand, reduziert den Installationsaufwand und bietet energieeffizienten Betrieb mit langer Batterielaufzeit und KNX Secure. ‣ weiterlesen
MDT KNX RF+ Funkprodukte
Müller: Genau, wir machen uns auf eine lange Reise und es wird kontinuierlich Weiterentwicklungen geben, wie bei den Vorgängersystemen auch.

Und wozu braucht es eine Plattform im 70er Format?
Feltgen: Wir sind die Erfinder des Flächenschalters, das war im Jahr 1966. Und wir sind überzeugt, dass dieses Design Zukunft hat. Die größere Bedienfläche bietet Vorteile. Zudem ist es visuell eine attraktive Alternative, das bestätigen Befragungen, die wir durchgeführt haben. Als Konsequenz daraus haben wir das System 70 entwickelt.
Müller: Gleichzeitig ist es eine wertvolle Ergänzung zu unserem System 55. Wir können und wollen uns nicht nur auf ein System stützen, sei es noch so stark und vielfältig. Mit dem System 70 bieten wir eine optisch schöne Alternative. Und wir kreieren eine neue Formensprache, denn das 70er Maß kommt etwa in Mehrfachrahmen ohne Zwischenstege aus. Durch die Größe ergibt sich zugleich eine maximale Funktionalität in den Bedienwippen.
Wo liegen in den nächsten Jahren Ihre Stärken in der Sensorik und Aktorik?
Feltgen: Unsere Aktorik ist heute schon stark, etwa mit Kombi-Aktorik, Heizungsaktor oder DALI Gateway. Wachstumschancen sehen wir vor allem im Bereich der Aktorik für größere und maßgeschneiderte Objekte. Hier sind oft kostenoptimierte Produkte gefragt, etwa zum Schalten. Und genau die bieten wir jetzt ebenfalls in unserem Portfolio an.
Müller: In der Sensorik haben wir zuletzt sehr stark in unsere neue Plattform, den Tastsensor 4, investiert. Eine der großen Stärken ist der Facettenreichtum: Varianten mit und ohne Beschriftung, Lasergravur, integrierte Raumtemperatur- oder Luftfeuchtesensorik. Im Sensorik-Markt beobachten wir eine zunehmende Spezialisierung. Da gibt es Bereiche, wo wir Nachholbedarf sehen, Displaygeräte etwa. Deshalb haben wir im Tastsensor 4 zwei Geräte mit Display auf der Messe präsentiert. Und mit dem neuen Gira G1 ergänzt sich das Sortiment nach oben.
Feltgen: Der Gira G1 zeigt, dass wir Spaß an Entwicklung haben. Ein Raumbediengerät, das als Client einfach in Betrieb zu nehmen ist, ist innovativ. Diese Innovationsfreude zeigt sich auch bei den Tastsensoren: Wir präsentieren einen Bewegungs- und Präsenzmelder, der als solcher nicht erkennbar ist. Er sieht aus wie ein normaler Tastsensor. Unter der Oberfläche verfügt er über eine hochauflösende Bewegungs- und Präsenzsensorik. Als dritte zentrale Neuerung führen wir in allen unseren Komfort-Tastsensoren eine Luftqualitätssensorik ein.
Wo geht die Reise in Ihrer Entwicklung hin?
Feltgen: Displays für verschiedene Anwendungsfälle werden nachgefragt, deshalb bieten wir mit dem Gira G1 XS und dem neuen Gira G1 zwei Größen in unterschiedlichen Preisklassen. Unsichtbare Bewegungs- oder Präsenzerkennung sowie die Messung der Luftqualität mit VOC sind der Anfang, Sensoren werden künftig noch viel mehr leisten, um den Raum intelligenter und bedarfsgerechter zu steuern.
Müller: Einerseits werden Produkte immer komplexer, intelligenter und damit noch leistungsfähiger. Gleichzeitig denken wir darüber nach, eine ganz einfache Line zu entwickeln, die Komplexität und Intelligenz reduziert. Wir könnten etwa Sensorik aus Geräten entfernen und trotzdem ein intelligentes Zuhause realisieren. Damit erreichen wir Zielgruppen mit geringerem Budget. Einfachheit ist also eine Richtung, in die wir denken.
Feltgen: Zudem hat unser neues KNX-RF-Multi-Sortiment großes Potenzial. Mit der Kurzhubtaste, die auf den System-3000-Einsätzen funktioniert, lässt sich drahtlos eine Bestandsimmobilie in ein Smart Building verwandeln. Gerade bei Funkmöglichkeiten kann in Zukunft noch viel passieren: Etwa mit Blick auf die Verlässlichkeit und die Sicherheit eines Standards wie KNX.
Grenzt KNX ein?
Feltgen: Ganz im Gegenteil. KNX ist offen, vielseitig und entwickelt sich stetig weiter. Deswegen habe ich auch KNX RF Multi erwähnt. Das ist eine Weiterentwicklung des Funkstandards KNX RF. RF Multi funktioniert stabiler, die Telegrammübertragung ist verlässlicher. Und Geräte mit langer Batterielebensdauer lassen sich einfacher integrieren. Aber auch das ist nicht das Ende des Standards. So denkt die KNX Association etwa über KNX IoT nach, das heißt Thread-basiert im 2,4GHz-Band. Mit KNX haben wir eine leistungsstarke Basisentwicklung, die wir mit anderen Herstellern teilen und die uns die Möglichkeit gibt, passende Lösungen zu entwickeln.
Müller: Mehr als 1.000 Unternehmen, über 100.000 Produkte – KNX ist eine Erfolgsgeschichte. Der Fachbetrieb muss sich nicht auf eine Marke festlegen. Im Fachhandwerk und in der Fachinstallation ist der Standard aus meiner Sicht jetzt und in Zukunft mit Abstand die erste Wahl.
Feltgen: Und Gira One zeigt, wie einfach KNX sein kann. Die Überlegungen der KNX Association gehen in eine ähnliche Richtung, es ihren Kunden in einer Standardumgebung wie der ETS mittelfristig einfacher zu machen. Diese Entwicklung betrachten wir nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung. Es wird einfacher werden. Auch, wenn man nicht-herstellerspezifische Lösungen kauft.

















