Studie: Smart Homes als Retter in der Not

Die Untersuchungen wurden im eHUB, einem energieautarken Smart Home auf dem Campus Lichtwiese der TU Darmstadt durchgeführt.
Die Untersuchungen wurden im eHUB, einem energieautarken Smart Home auf dem Campus Lichtwiese der TU Darmstadt durchgeführt. Bild: Jürgen Schreiter, Darmstadt

In welchen Gefahrensituationen würden sich Menschen auf das Warnsystem ihres Smart Homes verlassen? Das fragten sich Forschende des Loewe-Zentrums Emergencity. Das Ergebnis ihrer Studien: Je größer die Gefahr, desto eher sind Menschen bereit, dem intelligenten Zuhause die Entscheidung über die richtige Reaktion, z.B. das automatische Schließen der Fenster und Türen, zu überlassen.

Das Smart Home der Zukunft bietet Komfort und Bequemlichkeit. Es heizt die Zimmer rechtzeitig vor der Heimkehr automatisch auf, es fährt die Rollläden bei Sonne herunter oder bestellt Lebensmittel, wenn der Kühlschrank leer ist. Aber es kann auch die Sicherheit seiner Bewohnerinnen und Bewohner erhöhen. Am Loewe-Zentrums Emergencity, einer interdisziplinären Forschungskooperation der Technischen Universität Darmstadt, der Universität Kassel und der Philipps-Universität Marburg, untersuchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, welchen Beitrag Smart Homes leisten können, um die Bevölkerung in Krisen und Katastrophen zu warnen sowie auf Gefahren zu reagieren.

„Während Einzelgeräte wie Rauchwarnmelder die Bewohner vor bestimmten Gefahren warnen, bietet die Integration in umfassende Smart-Home-Warnsysteme das Potential für mehr Sicherheit, da Bauteile auf der Grundlage von vordefinierten Protokollen auf Bedrohungen reagieren können“, erklärt Markus Henkel, Erstautor der Studie, die am 4. März im ACM-Magazin ‚Proceedings of the ACM on Interactive, Mobile, Wearable and Ubiquitous Technologies‘ erschien. Zudem sei ein Vorteil eines Smart Homes, dass es neben der Weitergabe offizieller Behördenwarnungen auch vor lokalen Gefahren warnen kann.

Smart Speaker und Glühbirnen warnten die Bewohnerinnen und Bewohner des Smart Homes akustisch und visuell.
Smart Speaker und Glühbirnen warnten die Bewohnerinnen und Bewohner des Smart Homes akustisch und visuell. Bild: Hiba Al-Najmi

Akzeptanz für Automatisierung bei Gefahr höher als im Alltag

Zusammen mit den Darmstädter Forschenden Steffen Haesler, Hiba Al-Najmi, Frank Hessel und Christian Reuter konnte er zeigen, dass Menschen bereit sind, einem Smart Home zu vertrauen, insbesondere dann, wenn große Gefahren drohen. „Dann akzeptieren sie höhere Automatisierungen als im Alltag“, sagt Henkel. Die Forschenden simulierten vier unterschiedliche Gefahrensituationen in einem energieautarken Smart Home, dem eHUB, das auf dem Campus Lichtwiese der TU Darmstadt steht. Die 48 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studie erhielten drei unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten, von der einfachen Anweisung bis zur vollautomatischen Ausführung durch das Haus.

In der höchsten Gefahren- und Automatisierungsstufe hörten sie z.B. zunächst Sirenenalarm aus dem Smart Speaker, sahen rotblinkende Glühbirnen sowie Lichtstreifen am Handlauf eines Treppengeländers. Zusätzlich ertönte eine virtuelle Stimme aus dem Smart Speaker: „Ein Gasleck wurde in der Umgebung gefunden. Alle Türen und Fenster werden automatisch geschlossen.“ Anschließend schloss das Smart Home automatisch Fenster und Türen. In der niedrigsten Stufe erhielten die Teilnehmenden nur den Hinweis Fenster und Türen zu schließen.

Smart Home reagiert automatisch auf Gefahren

Weitere Gefahren waren starke Hitze im Raum, bei der das Haus frische Luft von außen hereinließ, außerdem ein simulierter Stromausfall, bei dem es dank Photovoltaik weiterhin Strom lieferte, aber auch unnötige Stromverbraucher, wie Deckenleuchten oder Ventilator ausschaltete sowie trockene Blumenerde, bei der es die Blumen selbst goss. Die höchste Automatisierung fand bei der größten Gefahr die höchste Zustimmung. Bei weniger dringenden Gefahren wollten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst entscheiden, was zu tun ist.

In einer Folgestudie fanden die Forschenden heraus, dass fehlerhafte Reaktionen des Hauses die Entscheidung, Smart-Home-Warnsystemen komplett zu vertrauen, beeinflussen. „Um die Akzeptanz dieser Systeme zu erhöhen, müssen sie individuell anpassbar sein“, ergänzt Henkel. Um mehr über die Gestaltung solcher Warnsysteme herauszufinden, untersuchen die Wissenschaftler in weiteren Studien u.a. auch, welche Anforderungen Menschen mit Beeinträchtigungen an diese Systeme stellen.

Publikation: M. Henkel, S. Haesler, H. Al-Najmi, F. Hessel, and C. Reuter. 2025. The House That Saves Me? Assessing the Role of Smart Home Automation in Warning Scenarios. Proceedings of the ACM on Interactive, Mobile, Wearable and Ubiquitous Technologies, pages 1-32.