
Herr Schwarz, was macht Hermos aus?
Einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren von Hermos ist die Diversifizierung. Das betrifft die technischen Bereiche und Branchen, in denen wir tätig sind sowie unsere Kundenstruktur. Nur wenn beides ausgewogen ist, entsteht ein stabiles Auftraggeberumfeld. In meinen inzwischen rund sechseinhalb Jahren im Vorstand habe ich kein Jahr erlebt, in dem sich alle Bereiche gleichzeitig gemäß Plan entwickelt haben. Hermos ist deshalb breit aufgestellt. Mehr als die Hälfte unseres Umsatzes entfällt auf den Bereich der Anlagenautomation. Dazu zählen u.a. Energie- und Umwelttechnik, Industrie- und Gebäudeautomation. Mit unserer Hermos Software FIS und FIS Energy erzielen wir dabei nicht den größten Teil unseres Umsatzes. Trotzdem sind beide Lösungen für unsere Projekte und Kunden von zentraler Bedeutung. Der Kunde erwartet von der Feld- bis zur Managementebene ganzheitliche Konzepte. Was wir nicht selbst anbieten könnten, müssten wir einkaufen. Dann wären wir bei der Umsetzung von einem bestimmten System abhängig. FIS ist unsere Hermos Softwareplattform im Bereich Gebäudemanagement (MBE) und Energiedatenmanagement. Die FIS Energy Applikation ist auch als eigenständiges Energiedatenmanagementsystem nutzbar.
Wieso ist FIS Energy besonders?
Es gibt viele Energiedatenmanagementsysteme und ebenso zahlreiche Gebäudeleitsysteme. Was wir auf dem Markt kaum sehen, ist eine Lösung, die beides so eng miteinander verbindet und zugleich als natives System eigenständig betrieben werden kann. FIS Energy ist vollständig in unserem Gebäude- und Leitsystem FIS integriert. Gleichzeitig bleibt die Lösung offen und aus sich heraus funktionsfähig. Dadurch können wir einerseits die Daten aus der Gebäudeautomation nutzen und andererseits auch unabhängig davon Energiedaten erfassen, strukturieren und auswerten. Die Benutzerfreundlichkeit ist ein weiterer Erfolgsfaktor. Ein System erzeugt nur nachhaltigen Nutzen, wenn Anwender komfortabel damit arbeiten können. Die Einbindung von Zählern, die Konfiguration und die Darstellung der Daten sind bei FIS Energy deshalb sehr benutzerfreundlich. Gleichzeitig bieten wir Tiefe für detaillierte Analysen.

Gilt das auch im Bestand?
FIS Energy ist gerade für Bestandsgebäude prädestiniert. In der Praxis liegt die Herausforderung allerdings häufig im Feld. Viele Betreiber kommen mit der Anforderung auf uns zu, ihre Liegenschaften managen zu können und energetisch zu optimieren. Die Software kann diese Anforderungen abbilden. Vor Ort stellen wir dann oftmals fest, dass vielleicht ein einziger relevanter Zähler vorhanden ist, z.B. für Wasser. Dann beginnt die ingenieurtechnische Arbeit: Wo müssen Zähler installiert werden? Welche Medien sollen erfasst werden? Dafür braucht man ein Zählerkonzept. Es reicht nicht, möglichst viele Messgeräte einzubauen. Bei Stromzählern ist die Nachrüstung meist noch unkompliziert. Schwieriger wird es bei kalorischen Messungen. Dann muss unter Umständen eine Rohrleitung aufgetrennt und eine Sonde montiert werden. Schweissarbeiten bleiben oftmals nicht aus. Sind die Messgeräte allerdings installiert, ist die weitere Anbindung mit FIS Energy flexibel. In der zweiten Generation können TCP/IP-fähige Geräte direkt eingebunden werden. Bei Protokollen wie OPC oder BACnet genügt im Prinzip die Verbindung mit dem Netzwerk. Auch Modbus, M-Bus und Zwischenlogger lassen sich integrieren.
Das funktioniert herstellerneutral?
Ja, wir können zahlreiche Systeme und Komponenten anbinden. Unterschiedliche Controller und Systeme werden auf FIS aufgeschaltet und können darüber gemeinsam verwaltet werden. Auch proprietäre Protokolle können wir über entsprechende Treiber integrieren. Für den Kunden bedeutet das Freiheit bei der Auswahl der Automations- und Feldebene. Wir sind nicht darauf angewiesen, dass dort ausschließlich Produkte eines bestimmten Herstellers eingesetzt werden. Wir decken somit einen großen Teil des Marktes ab.
Welche Sensorik wird erfasst?
Grundsätzlich können alle Sensoren und Zähler eingesetzt werden, die über die genannten Schnittstellen verfügen. Bei den Messgrößen sind die Möglichkeiten umfangreich. Strom, Spannung, Leistung und Energie gehören selbstverständlich dazu. Darüber hinaus können kalorische Messwerte, Volumen, Mengen, Stückzahlen und Gewichte erfasst werden. Auch prozesstechnische Medien und Daten lassen sich abbilden. Auch können Sensoren durch virtuelle Zähler ersetzt werden. Beispiel: Anschlussleistung eines Gerätes ist bekannt, durch die Erfassung der Betriebsstunden kann der Energieverbrauch berechnet werden. Entscheidend ist natürlich nicht nur welche Daten theoretisch erfasst werden können, sondern welche Informationen für das Unternehmen relevant sind.

Was treibt Ihre Kunden an?
Im Wesentlichen gibt es derzeit zwei Hauptmotive. Das eine ist die Wirtschaftlichkeit: Wie kann ich Energie und CO2 reduzieren, um damit Kosten einzusparen? Das zweite ist das ESG-Reporting, insbesondere die strukturierte Erfassung der relevanten Umweltkennzahlen, wie z.B. den CO2-Fußabdruck. Bei der Energieeinsparung beginnt man mit einer belastbaren Datengrundlage. Erst wenn Verbräuche, Betriebszustände und Zusammenhänge sichtbar sind, lässt sich beurteilen, wo Optimierungspotenzial liegt. FIS Energy bringt die Daten in Diagramme, Grafiken und aussagekräftige Darstellungen. Gerade in Bestandsgebäuden gibt es da oft Low Hanging Fruits (Schaltzeiten oder Temperaturniveaus).
Wie lässt sich das korrekt nachweisen?
Das ist eine besonders wichtige Funktion. Nehmen wir an, ein Unternehmen investiert in die Dämmung. Im Folgejahr möchte man wissen, was das gebracht hat. Ein einfacher Vergleich des Energieverbrauchs reicht dafür nicht aus. Die Witterungsbedingungen sind von einem Jahr auf das andere unterschiedlich. FIS Energy unterstützt deshalb eine Witterungsbereinigung. Die Verbrauchsdaten werden mit Wetterdaten in Beziehung gesetzt. So lassen sich verschiedene Jahre auf eine vergleichbare Basis bringen. Man kann dann ermitteln, wie hoch der Verbrauch gewesen wäre, wenn die betrachteten Winter unter denselben Bedingungen stattgefunden hätten. So lässt sich die Einsparung einer Maßnahme belastbar bestimmen. Anschließend kann der Betreiber berechnen, wie sich die Investition amortisiert.
Welche Funktionen sind relevant?
Neben der Verbrauchs- und Kostenanalyse spielen Lastgang- und Lastspitzenanalysen eine wichtige Rolle. In einer produzierenden Fabrik kann man die Stromversorgung nicht einfach abschalten, wenn eine Lastspitze droht. Man muss zunächst verstehen, wo und wann die Lasten auftreten und welche Produktionsprozesse dafür verantwortlich sind. FIS Energy kann diese Zusammenhänge visualisieren. Rasterdiagramme helfen dabei, Anomalien zu erkennen. Ein Sankey-Diagramm stellt dar, woher Energie kommt und wohin sie fließt. Auch Kommentare und Notizen können direkt im System hinterlegt werden.
Vom Familienunternehmen zum Digitalisierungspartner: Hermos ist für die Elevion Group ein zentraler Baustein. „Als wir über die weitere Entwicklung der Gruppe nachgedacht haben, waren zwei Fragen entscheidend: Wer verfügt über die Menschen mit dem notwendigen Wissen – und wer verfügt über die Daten?“, erklärt uns Roland Fischer, Head of Building Energy Solutions, Elevion Group Germany, im Gespräch. Mit Hermos integrierte Elevion Kompetenzen in Gebäudeautomation und Automatisierung. Gleichzeitig gewann die Gruppe einen eigenen Softwarekern und die Möglichkeit, technische Systeme bis auf die Managementebene abzubilden.
2019 kam es zur Integration in die Elevion Group. Die Elevion Group ist ein europäischer Anbieter für End-to-End-Lösungen zur Dekarbonisierung und Erhöhung der Energieeffizienz. Sie ist in mehr als 13 europäischen Märkten (wie z.B. den Niederlanden, Großbritannien, Deutschland, Österreich, Italien, Polen, Rumänien oder Ungarn) und mit mehr als 80 hoch spezialisierten Unternehmen tätig. Hermos ergänzt dieses Portfolio um Lösungen wie FIS und FIS Energy. „Wir wollen Kunden umfassend betreuen, ihnen aber keine Philosophie aufzwingen“, betont Fischer dabei. „Der eine möchte eine Komplettlösung, der andere nur Stromversorgung oder Automation. Beides ist legitim.“ Entscheidend sei, die richtigen Menschen und Kompetenzen zusammenzubringen. Denn, so Fischer: „Wer die Menschen und die Daten hat, wird die Entwicklung der Gebäudetechnik mitgestalten.“
Wer profitiert vom Reporting?
Da gibt es unterschiedliche Interessengruppen. Leiter der Rechtsabteilungen und Compliance-Verantwortliche müssen regulatorische Anforderungen erfüllen. Finanzvorstände interessiert, was Energie und Betrieb tatsächlich kosten. CTOs und CIOs wollen die technische Entwicklung und die Infrastruktur überwachen und sicherstellen. FIS Energy verbindet diese Perspektiven: Recht und Regulierung, Wirtschaftlichkeit und Technologie. Ein weiterer Anwendungsfall ist das automatisierte Management-Reporting. Ein Geschäftsführer möchte vielleicht nur für ihn relevante Kennzahlen sehen. Ein Betriebsleiter benötigt dagegen detailliertere Informationen. In FIS Energy können Berichte individuell zusammengestellt und automatisiert versendet werden. Dabei lassen sich auch KPIs definieren und vergleichen. FIS Energy konzentriert sich auf Energiedatenmanagement, Analyse, Kennzahlen und Reporting. Wenn es um den Anlagenbetrieb, Echtzeitüberwachung, Alarmierung oder Krisenmanagement geht, ist FIS die Plattform. FIS Energy ist außerdem in der Lage, den Umweltbereich des ESG-Reporting maßgeblich abzubilden – also Scope 1, 2 und 3 nach dem Treibhausgasprotokoll. So können unsere Kunden Teile des ESG-Reporting automatischer erzeugen lassen. Darüber hinaus unterstützt die Lösung Unternehmen bei der ISO50001-Zertifizierung. Unser Ziel ist, den bürokratischen Aufwand zu reduzieren.
Welche Synergien ergeben sich aus der Einbindung in die Elevion Group?
Dadurch dass wir FIS als Managementebene über unterschiedliche technische Lösungen und Gewerke legen können, lassen sich auch Sektorkopplungen besser abbilden. Wir wollen Projekte ganzheitlich betrachten. In der Gruppe verfügen wir über zahlreiche Ingenieure und unterschiedliche Fachgesellschaften. Die Herausforderung besteht darin, dieses Knowhow beim Kunden zusammenzubringen. Cross-Selling bedeutet für uns deshalb nicht einfach, weitere Produkte zu platzieren. Es geht darum, die richtigen Menschen und Kompetenzen zu verbinden und dem Kunden eine durchgängige Lösung anzubieten.
Welche Entwicklung erwarten Sie in Richtung künstliche Intelligenz?
Wir beschäftigen uns intensiv mit KI. Gleichzeitig ist mir eine klare Begriffsdefinition wichtig. Nicht jede Regressionsanalyse und nicht jeder Algorithmus ist automatisch KI. Heute nutzen wir KI bereits bei der Softwareentwicklung, um Quellcode effizienter zu erzeugen. Für FIS Energy sehe ich den größten Mehrwert dort, wo große Mengen an Daten zusammengeführt werden. Eine KI soll Muster erkennen und daraus konkrete Handlungsempfehlungen ableiten. Ziel muss sein, aus den vorhandenen Daten Ansatzpunkte zu identifizieren, die technisch und wirtschaftlich für die Betriebsoptimierung wirklich sinnvoll sind. Dabei darf man den Energiebedarf der KI selbst nicht ausblenden. Deshalb müssen wir uns immer fragen, wo tatsächlich ein Mehrwert entsteht. Unsere Arbeit konzentriert sich derzeit vor allem darauf, FIS Energy als belastbare Datenbasis weiterzuentwickeln und KI dort einzusetzen, wo sie die Analyse und Entscheidungsfindung sinnvoll unterstützt. Denn Energiedatenmanagement darf nicht bei der Erfassung enden. Es muss zu besseren Entscheidungen, messbaren Einsparungen und einem verantwortungsvollen Umgang mit Energie führen.

















