Sie sind seit 2010 Vorstandsvorsitzender des ZVEI-Fachverbandes Elektroinstallationssysteme. Wo liegt im Augenblick der Schwerpunkt Ihrer Fachverbandsarbeit?

Bettermann: Für uns Hersteller gilt es, die Sichtbarkeit der Produkte und der Markenführung an das virale Digitalzeitalter anzupassen. Nur wer im Netz gesehen und wahrgenommen wird, ist als Marke erlebbar. Die Produktmarken werden und müssen sich daher auch zu Dienstleistungsmarken entwickeln. Ansonsten werden Online-Plattformen selbst zu Marken und wir Hersteller werden schlimmstenfalls zum Zulieferer von Handelsmarken. Es gibt aus meiner Sicht nur zwei Stellschrauben für uns, nicht in diese Abhängigkeitsspirale zu geraten: Erstens die Markenstärkung des Unternehmens, also die Sichtbarkeit im digitalen Markt, und zweitens den Erhalt der vertrieblichen Unabhängigkeit. Darüber hinaus gibt es viele Standardthemen: Die Light & Building mit allen ihren Prozessen, die Rohstoffentwicklung oder der Renovierungsmarkt, wozu es eine Studie gibt. Aber das mit Abstand größte Thema ist wirklich Digitalisierung.

Ursprünglich war das Ziel der Bundesregierung, dass eine Millionen Elektroautos im Jahr 2020 auf Deutschlands Straßen fahren. Die Bundeskanzlerin hat dieses Ziel soeben zurückgenommen. Was muss getan werden, um die Elektromobilität anzukurbeln?

Bettermann: Die deutsche Elektroindustrie trägt maßgeblich zur Entwicklung sicherer, effizienter und emissionsfreier Mobilität bei. Über ein Drittel des Produktionswerts eines Autos liefert schon heute die Elektroindustrie als Partner der Automobilindustrie. Bei Automobilen basieren 80 Prozent der Innovationen auf Mikroelektronik und Software. Der ZVEI und seine Mitgliedsunternehmen setzen sich dafür ein, neue Technologie marktreif zu machen. Die ZVEI-Themenplattform ‚Automotive – Electronics, Infrastructure and Software‘ ist die Plattform für Zulieferer elektrotechnischer und elektronischer Produkte bis hin zu Energielieferanten für Elektromobilität. Sie wurde gegründet, um der deutschen Automobilindustrie die Zukunft als Innovationsführer zu sichern.

Der größte Anteil aller Ladestationen für E-Fahrzeuge wird im privaten und halböffentlichen Bereich benötigt. Gleichzeitig sind Millionen Bestandsgebäude in Deutschland elektrotechnisch überaltert. Was bedeutet das für den Aufbau der Ladeinfrastruktur und wie kann hier die Sicherheit der Hausbewohner gewährleistet werden?

Bettermann: „Vernetzte Welten“ fangen in unserer Branche an. Schon bei der technischen Normung zur Einführung neuer Technologien ist das Teamwork von Industrie und Handwerk ein Erfolgsfaktor. Wer also ein E-Auto kauft, sollte mindestens darauf hingewiesen werden, dass er möglicherweise seine bestehende Hausinstallation überprüfen lassen muss. Bei konkreter Gefährdung sollte dies Pflicht werden.

Wie sehen Sie die Zukunft der Elektroinstallationsbranche? Wohin wird sich die Branche aus Ihrer Sicht entwickeln?

Bettermann: Der Systemgedanke wird meiner Meinung nach sehr deutlich ansteigen. Die Frage wird sein, wie funktioniert Elektrotechnik heute und morgen im Bereich der Digitalisierung und im Bereich der Infrastruktur, die errichtet wird. Wir erledigen heute in der klassischen Installation viele Dinge zwar nach Norm und Installationsgewohnheit, aber noch sehr überholt. Der Tunnelblick muss verlassen werden und eine gewerkeübergreifende Denkweise wird erforderlich sein. Unsere Branche wird von der Digitalisierung geprägt. Es gibt immer mehr Onlineshops in den verschiedenen Wertschöpfungsstufen. 128315 Inteview Zitat Unsere BrancheDer Umsatz im e-Business wächst deutlich. Es gibt neue Produktplayer, die vom gut strukturierten deutschen Markt profitieren wollen und meist direkt oder online ins Deutschlandgeschäft einsteigen. Manche Handwerksbetriebe setzen nicht mehr aufs Ladengeschäft, sondern gehen lieber online und beziehen ihre Ware aus unterschiedlichen Quellen. Unsere Branche muss die Instrumente der digitalen Wirtschaft anzuwenden verstehen. Die Digitalisierung macht Airbnb heute zum größten Zimmervermieter ohne eigene Zimmer, Uber zum größten Taxiunternehmen ohne Taxis und ein Kommunikationsunternehmen vielleicht bald zum größten Stromanbieter ohne eigenen Strom. Im digitalen Wettbewerb müssen Qualität, Leistung und Preis stimmen.

Vielen Dank für das Gespräch!


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