Gira stellt komplettes Schalterprogramm um

Die Kunststoffteile des Schalterprogramms Gira E2 Lichtgrau bestehen überwiegend aus Rezyklat, das während der Produktion bei Gira anfällt.
Die Kunststoffteile des Schalterprogramms Gira E2 Lichtgrau bestehen überwiegend aus Rezyklat, das während der Produktion bei Gira anfällt.Bild: GIRA Giersiepen GmbH & Co. KG

Christian Feltgen: Wir haben unser Standardsortiment an Wippschaltern, Wipptastern und Tastschaltern vollständig überarbeitet und dieses Kernprogramm produziert Gira komplett in einer neuen Fertigungsanlage in Radevormwald. Der Grund? Schalter sind nach wie vor das Kerngeschäft von Gira. Wir verkaufen mehrere Millionen Schalter im Jahr und ebenso viele Abdeckungen. Mit unserer letzten Generation Unterputzgeräte haben wir über 30 Jahre hohe Standards gesetzt, um aber grundlegende Neuerungen umsetzen zu können, mussten wir den kompletten Aufbau, die Basis der Schalter verändern. Wir wollten unser Kernprodukt konsequent erneuern: komplett neue Materialien, eine vollständig andere Konstruktion – und damit einhergehend eine neue Produktionslinie und radikal neue Fertigungsprozesse.

"Schalter sind nach wie vor das Kerngeschäft von Gira. Wir verkaufen mehrere Millionen Schalter im Jahr und ebenso viele Abdeckungen." - Christian Feltgen, Geschäftsführer bei Gira.
„Schalter sind nach wie vor das Kerngeschäft von Gira. Wir verkaufen mehrere Millionen Schalter im Jahr und ebenso viele Abdeckungen.“ – Christian Feltgen, Geschäftsführer bei Gira.Bild: GIRA Giersiepen GmbH & Co. KG

Andreas Vole: Allein schon von der technischen Dimension war das eine Mammutaufgabe. Aber mit der technischen Umstellung einher ging zugleich eine umfassende Marktumstellung, weil neben dem Gerät auch die Abdeckungen erneuert werden mussten. Die komplett reibungslose, internationale Live-Umstellung war extrem herausfordernd und hat eine sehr enge Zusammenarbeit mit dem Markt erfordert – was im Ergebnis alles sehr gelungen ist.

Was waren die Gründe dafür, diese Mammutaufgabe anzugehen?

Feltgen: Für uns standen vor allem die verbesserten Produkteigenschaften im Vordergrund, insbesondere Montage- und Sortimentsvorteile für das Handwerk und den Großhandel. Aber auch die Fertigungseffizienz und Qualität sollten noch weiter optimiert werden.

Von welchen verbesserten Produkteigenschaften profitiert das Elektrohandwerk?

Vole: Wir machen es ihm leichter, die passenden Komponenten zu finden, weil wir die Zahl der Varianten klein halten: Es gibt jetzt nur noch eine Wippe für alle Schalter, das erlaubt dem Handwerk die einfachere Orientierung trotz Flexibilität im Sortiment. Das hatte zwar zur Folge, dass wir mit der neuen Generation und dem neuen Aufbau keine Kompatibilität der alten und neuen Schalter mehr gewährleisten konnten. Das alte Wippenlabyrinth zählte allerdings immerhin bereits 60 Jahre – schon von daher war es geboten, eine zeitgemäße Neuentwicklung anzugehen. Ersatzteile mit den alten Wippen sind aber bis Ende 2026 verfügbar, sodass dem Fachhandwerk keine Nachteile entstehen. Das war uns wichtig.

Die Vorteile der neuen Wippenaufnahme sind jedoch immens. Die neue Wippe im Schalteinsatz ist jetzt auch schwimmend gelagert, zentriert sich dadurch automatisch im Abdeckrahmen und garantiert so dem installierenden Handwerk immer ein optisch perfektes Erscheinungsbild des Schalters. Endkunden profitieren von einem verbesserten Design an der Wand, einem flacheren Schaltwinkel, kleineren Spaltmaßen sowie dem angenehm haptischen Schaltgefühl.

Darüber hinaus wurde bei den Schaltern alles verbessert, was verbessert werden konnte: Es wird der patentierte und bereits bei der neuen Steckdosengeneration verbaute Tragring verwendet. Die Sockel sind flacher geworden mit eingehausten Krallen. Die Leiter werden rückseitig eingeführt und neben starrem kann auch flexibles Leitergut verwendet werden, ein wichtiger Nutzen für das internationale Fachhandwerk. Außerdem harmoniert die Abisolierlänge nun ebenfalls mit unseren Steckdosen und die Spannungsprüfung kann ganz einfach von vorne erfolgen. Sehr wichtig außerdem: es werden von nun an standardmäßig LED-Beleuchtungselemente verbaut, die sich ebenfalls ganz einfach von vorne wechseln lassen und je nach Schalter und Schaltung verschiedene Beleuchtungsarten ermöglichen.

Feltgen: Neben dem höheren Installationskomfort erlaubt diese Standardisierung eine noch platzsparendere Lagerhaltung. Wir bieten mit der neuen Generation ein kleineres Sortiment, mehr Funktionen und damit nicht nur eine höhere Schlagkraft und Effizienz im Fachhandwerk, sondern auch im Großhandel. Was ich noch hervorheben möchte: Gira hat mit der neuen Schaltergeneration weiterhin Tastschalter im Programm. Darauf sind wir tatsächlich ein bisschen stolz, auch weil das Angebot am Markt hierfür inzwischen relativ übersichtlich ist.

Vole: Tastschalter erzeugen einen anderen Eindruck als Wippschalter, gerade wenn mehrere Geräte untereinander verbaut werden. Es entsteht eine optische Geradlinigkeit, die vor allem Architekten und Architektinnen lieben und natürlich auch designaffine Bauherren und Bauherrinnen.

"Wir arbeiten an einem möglichst hohen Anteil an Rezyklaten bei den Funktionsteilen - unter Einhaltung der Vorgaben des VDE." - Andreas Vole, Senior-Produktmanager bei Gira.
„Wir arbeiten an einem möglichst hohen Anteil an Rezyklaten bei den Funktionsteilen – unter Einhaltung der Vorgaben des VDE.“ – Andreas Vole, Senior-Produktmanager bei Gira.Bild: GIRA Giersiepen GmbH & Co. KG

Wie lange hat die Realisierung des Projekts gedauert, wer war daran beteiligt?

Feltgen: Über acht Jahre, wenn wir die Zeit der Vorentwicklung einmal herausrechnen. Realisiert wurde das Projekt mit einem Team, das in der Spitze aus 100 Mitarbeitenden der Bereiche Entwicklung, Fertigung/Montage, Logistik und Einkauf bestand. Gira hat die neue Schaltergeneration in intensiver Zusammenarbeit mit dem deutschen und internationalen Fachhandwerk entwickelt, um den Elektroprofis den möglichst perfekten Schalter zur Verfügung zu stellen.

Wenn wir mal vom Produkt hinüber zur Fertigung schauen. Wie sieht die technische Dimension der neuen Schalterstraße aus? Seit wann ist diese in Betrieb?

Vole: Gefertigt werden in der neuen Schalterstraße die verschiedenen Unterputzgeräte für die Gira Schalterprogramme, wofür wir bis zu 88 unterschiedliche Varianten produzieren. Die Anlage selbst hat eine Länge von 29m und verfügt über 62 Module, wobei die Produktqualität permanent mit unzähligen Sensoren geprüft wird. Bereits seit Dezember 2023 produzieren wir auf der neuen Fertigungslinie und haben seitdem mehrere Millionen Geräte hergestellt, unsere Lager sind daher gut gefüllt. Im Markt erfolgte die Umstellung auf die neue Schaltergeneration Ende Juli 2024. Den Großhandel haben wir so beliefert, dass er die neue Schaltergeneration ab dem Lieferstart-Stichtag am 5. August verkaufen konnte.

Gira hat nicht nur sein komplettes Schalterprogramm umgestellt, sondern auch eine neue Schalterstraße in Betrieb genommen. Gefertigt werden hier die Unterputzgeräte für die verschiedenen Gira Schalterprogramme, abgebildet ist die Serie Gira E2.
Gira hat nicht nur sein komplettes Schalterprogramm umgestellt, sondern auch eine neue Schalterstraße in Betrieb genommen. Gefertigt werden hier die Unterputzgeräte für die verschiedenen Gira Schalterprogramme, abgebildet ist die Serie Gira E2.Bild: GIRA Giersiepen GmbH & Co. KG

Setzen Sie mit dem neuen Programm und der erneuerten Produktion weiterhin auf Qualität aus Radevormwald?

Feltgen: Definitiv. Denn unsere Schalterstraße steht natürlich im direkten Zusammenhang mit unseren beiden neuen Fertigungslinien für das Schuko-Sortiment, die seit 2023 in Betrieb sind. Diese Neuerungen sind letztlich ein bewusstes Statement zum Standort Radevormwald und zugleich ein Zeichen, dass hierzulande wirtschaftlich effizient und zukunftsfähig auf hohem Niveau gefertigt werden kann, auch wenn die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Deutschland im Moment sicherlich nicht optimal sind. Wir dagegen setzen ohne Abstriche auf Made in Germany. Auch die Rahmenprogramme von Gira, die unverändert geblieben sind, kommen aus der Kunststofffertigung in Radevormwald. Allein für die Umstellung auf die neue Schaltergeneration und deren Fertigungsanlage hat Gira einen zweistelligen Millionenbetrag aufgewendet.

Wie steht es um die Nachhaltigkeit des neuen Sortiments?

Feltgen: Gutes Stichwort. Das Gira Schaltersortiment ist Teil unserer nachhaltigen Ausrichtung. So setzen wir auf ein Design, das keinen modischen Kurzzeittrends folgt, sondern zeitlos schön bleibt, und zwar über Jahrzehnte hinweg. Bei unserem schon erwähnten neu aufgelegten Flächenschalterprogramm ist z.B. „nur“ die Wippe neu, die Rahmen dagegen sind geblieben. Die Weiterentwicklung des Designs ist immer durchdacht und folgt dem systemischen Gedanken.

Nachhaltigkeit erzielen wir auch durch die Produktqualität, die einen langen Lebenszyklus unserer Schalter gewährleistet. Wir fertigen Produkte, die länger halten, als es von den Normen gefordert wird. Und Nachhaltigkeit garantieren wir schließlich auch durch unsere Lieferketten: ‚Made in Germany‘ garantiert kurze Wege bei der Herstellung – auch was unsere Zulieferer betrifft und damit jene Teile, die wir nicht selber herstellen, wie etwa den Tragring oder die Kontakte. Unsere Lieferketten für die neue Schaltergeneration sind langfristig und deshalb stabil.

Vole: Hinzu kommt bei der neuen Schaltergeneration das Thema Materialität: In der alten Generation bestanden die Sockelunterteile aus Duroplast. Diese sind inzwischen durch Thermoplaste ersetzt. Sie sind heute innovativer, weil bruchfester, und besser zu recyclen.

Beim überarbeiteten Gira Flächenschalter werden die optischen Vorteile der neuen Schaltergeneration besonders deutlich.
Beim überarbeiteten Gira Flächenschalter werden die optischen Vorteile der neuen Schaltergeneration besonders deutlich.Bild: GIRA Giersiepen GmbH & Co. KG

Wir arbeiten an einem möglichst hohen Anteil an Rezyklaten bei den Funktionsteilen – unter Einhaltung der Vorgaben des VDE. In unserer Produktion regranulieren und rezyklieren wir bereits Abfallprodukte oder Angüsse, kaufen aber weiteres Material zu. Grenzen gibt es bei der Verwendung von Rezyklaten bei der Farbgebung. Wer aber beispielsweise unseren E2 Schalter in Lichtgrau wählt, kann auf ein Produkt mit einem sehr hohen Rezyklatanteil zurückgreifen.

Feltgen: Gleichzeitig arbeiten wir daran, so viele Produkte wie möglich nach Cradle to Cradle zertifizieren zu lassen, bei dem alle Rohstoffe eines Produkts nach dem Nutzungszeitraum zu einhundert Prozent im Kreislauf bleiben und wiederverwendet werden. Mit unserer neuen Schaltergeneration und deren Fertigung sind wir diesem Ziel schon ein gutes Stück nähergekommen.